Das tragische Ende der „Annemarie“

Bei einem historischen Seenotfall kamen 15 junge Borkumer 1931 bei Juist aufgrund einer Fehlentscheidung ihres Kapitäns ums Leben.

Es ist ein Unglück, das bis heute erschaudern lässt: Der Kapitän eines voll besetzen Motorseglers will 1931 durch das Haaksgat mit seinen gefährlichen Sandbänken von Juist nach Borkum abkürzen. Die verhängnisvolle Entscheidung kostet 15 überwiegend junge Männer das Leben.

Geteiltes Leid ist halbes Leid, sagt der Volksmund. Die Bewohner von Borkum und Juist allerdings erinnern sich jedes Jahr voller Entsetzen an ein Ereignis, das beide Inseln auf tragische Weise miteinander verbindet. 1931 ertranken 15 junge Männer aus Borkum bei einem Schiffsunglück westlich von Juist, Seenotretter und lokale Fischer konnten nur vier Menschen retten. Wohl nie in jüngerer Vergangenheit gab es gleichzeitig so viele und so junge Opfer der Fluten vor Juist.

Was war passiert?

Am 20. September 1931 veranstaltete der Juister Hotelier Claasen einen Turnabend, an dem die Riege des Turnvereins von der Nachbarinsel Borkum auftrat. Die jungen Leute zwischen 20 und 25 Jahren verlebten einen fröhlichen Abend und brachen am nächsten Nachmittag wieder nach Borkum auf. Auf der Rückreise dann traf der erfahrene Bootsführer Christian Harms eine verhängnisvolle Fehlentscheidung: Er steuerte den Motorsegler „Annemarie“ mit 19 Mann an Bord durch das Haaks-Gat, vorbei an der Vogelinsel Memmert. „Dort geht um die gefährlichen Sandbänke eine sichere Fahrrinne“, heißt es in einem zeitgenössischen Bericht. „Sie ist allerdings nur spärlich durch Baken gekennzeichnet und nicht in den Seeamtsbüchern verzeichnet. Ihre Trift ist sehr veränderlich.“

Genau das rächt sich, als die „Annemarie“ bei schlechter Sicht und stürmischer See auf Grund läuft. Das festgefahrene Boot lässt sich nicht mehr in sicheres Fahrwasser bewegen, die 17 jungen Männer und zwei erfahrenen Seeleute werden eine ganze Nacht lang von den Wellen durchgeschüttelt. „Es müssen sich erschütternde Szenen abgespielt haben“, sagt Hans Kolde, der sich als Juister Inselhistoriker intensiv mit der Tragödie beschäftigt und ein zeitgenössisches Buch („Das Kreuz vom Memmert“) dazu neu veröffentlicht hat. „Einer nach dem anderen ging entkräftet über Bord und ertrank.“ Laut Kolde gibt es keine Aufnahmen des Wracks: „Die Bilder dazu existieren nur in den Köpfen der Menschen.“

Die Seenotretter kommen zu spät

Der damalige Vormann der Seenotretter auf Juist notierte im Stationsbuch: „Da alle Signalmittel nass geworden waren, konnten keine Notsignale abgegeben werden. Schließlich zerschlug die Brandung das Boot immer mehr. Einer der Bootsinsassen, ein guter Schwimmer, schwamm nach der Insel Memmert, die er nach zweistündiger Arbeit in vollständig erschöpftem Zustande erreichte. Von hieraus gelangte dann die erste Nachricht von dem Unglück nach Juist, Borkum und Norderney.“

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Ruderrettungsboot der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). (Foto: DGzRS)

Die Juister Seenotretter eilten zu ihrer Station am Westende der Insel, pullten mit dem Rettungsboot WALPODEN AUS MAINZ zur Unfallstelle. Gegen 8 Uhr war das Rettungsboot an dem gestrandeten Boot und konnte zumindest den letzten Schiffbrüchigen mit einer Leine vom Boot retten. Zwei Männer wurden von Fischern aus dem Wasser gezogen. Die übrigen waren inzwischen über Bord gestürzt und ertrunken.

Eine Insel in Trauer

1.500 Menschen – fast die Hälfte der gesamten Inselbevölkerung Borkums – kamen zur Trauerfeier am darauffolgenden Sonntag. Die „Borkumer Zeitung“ schrieb: „Die See, die uns umschließt, die uns Freude gewährt und Nahrung bringt, hat jetzt bitteres Leid über uns gebracht und fünfzehn Menschenleben dahingerafft, reife Männer, hoffnungsvolle Jünglinge.“

Hans Kolde ist 92 Jahre alt, er lebt seit 1955 auf Juist. Für ihn, der bis zu seinem Ruhestand Leiter einer Jugendbildungsstätte und des Küstenmuseums war, bewegt das Unglück wohl deshalb so viele Menschen, weil die Opfer Heranwachsende waren. Kolde nimmt es aber auch als Vergleichspunkt dafür, wieviel seitdem besser geworden ist: „Die Borkumer Jungs würden heute wohl alle überleben. Man könnte viel sicherer navigieren, viel schneller jemanden verständigen, und das Juister Rettungsboot wäre in wenigen Minuten vor Ort.“

Auf der Vogelinsel Memmert errichteten Insulaner von Borkum und Juist kurze Zeit später ein schlichtes Holzkreuz. Es steht heute am Alten Leuchtturm auf Borkum und erinnert an den Untergang. Der Überlebende Berend Baalmann schrieb nur zwei Tage nach dem Unglück an die Juister Seenotretter: „Ich glaube, dass Ihr alle, die ihr Euer Leben gewagt habt, um mich aus Todesgefahr zu befreien, mich auch verstanden und meine Dankbarkeit auch gefühlt hättet ohne dieses Schreiben. Und doch möchte ich es nicht unterlassen, jedem Einzelnen noch mal persönlich zu danken für sein Kameradschaftsgefühl und seine Nächstenliebe.“

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