Keine einsame Insel

(Norderney) In Norderney ist manches anders als auf dem Festland. Das Hotel- und Gaststättengewerbe hat eigene Inseltarifverträge und im Kurtheater finden während der Saison Veranstaltungen statt, von denen auch die größeren Städte in Ostfriesland nur träumen können. Ob neben den großen Namen und bombastischen Events aber auch Platz für eine eher experimentelle Kleinkunst ist, hat sich Dagmar Thieß gefragt. Die Kölnerin ist Ostfriesland seit ihrer Kindheit verbunden, in der sie ihre Ferien an der Nordseeküste verbrachte. Im vergangenen Jahr entschied sie sich dafür, der Rheinmetropole den Rücken zuzukehren und nach Norderney zu ziehen. Unter den Ostfriesischen Inseln ist sie diejenige, auf der er es sich auch im Winter ganz gut aushalten ließe, erklärt Thieß lachend und schaudert beim Gedanken an die Grabesstille, die sich andernorts nach Saisonende über die Ferienorte legt.

(Foto: Schneider)

Die 43-jährige Dagmar Thieß bringt mit ihrem Kultur- und Gästehaus Henrietta frischen Wind in die Norderneyer Szene. (Foto: ts)

 

Auf der Suche nach Büroräumen für ihre Coaching-Praxis entdeckte die 43-jährige das zentral gelegenen Haus Henrietta in der Strandstraße. Die dazugehörigen Personalzimmer pachtete sie gleich mit, um Teilnehmern ihrer Stressbewältigungsseminare das ständige Ein und Aus von Saisonarbeitern zu ersparen. Da die großzügigen Räumlichkeiten des Hauses aber auch genutzt sein wollten, machte Thieß daraus nach der Renovierung im Frühjahr kurzerhand das „Kultur- und Gästehaus Henrietta“. Die Kulturangebote, die sie aus Köln gewohnt war und im Norderneyer Programm vermisste, konnte sie nun einfach selber organisieren.

Der nur 25 Quadratmeter messende Veranstaltungsraum des Hauses Henrietta gibt den Rahmen und die Atmosphäre vor: Heimelig und familiär geht es nicht nur zu, wenn hier zu „Wohnzimmerkonzerten“ geladen wird. Thieß‘ Lebensgefährte Jo Schmitt ist Schauspieler und ihr auf die Insel gefolgt. Zwischen Engagements auf dem Festland füllt er den Veranstaltungsraum mit szenischen Lesungen oder einem Einpersonenstück, das von der Ostfriesischen Landschaft gefördert worden ist. Das Publikum ist zwischen 25 und 50 Jahren alt, schätzt Thieß. Wie groß der Anteil an einheimischen Stammgästen ist, wird sich zeigen, wenn die Feriengäste gehen und der Frost kommt. Während bei heiteren Lesungen wie Erich Kästner drei Dutzend Zuhörer den Raum und die angrenzenden Büros füllen, werden immer wieder auch schwierigere Stoffe wie die Texte des russischen Phantastikers Daniil Charms gebracht. Dann wird zur Not auch vor nur sechs Leuten gelesen.

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(Foto: Dagmar Thieß)

Der Tangotanz vor dem Norderneyer Surfcafé war ein großer Erfolg für das noch junge Kultur- und Gästehaus Henrietta. (Foto: Dagmar Thieß)

 

Einen durchschlagenden Erfolg feierte Thieß erst kürzlich mit einer Tango-Milonga-Woche. Diese lockte zwar nur wenige Neulinge. Dafür aber waren die Einheimischen, die lange auf eine Gelegenheit gewartet hatten, ihre Tangokünste auszuleben, so begeistert, dass es auf jeden Fall wieder mehrtägige Tangoseminare inklusive Übernachtung geben wird. Überhaupt will Thieß den Vorteil, Kulturfreunde auch über Nacht unter dem Dach des Hauses Henrietta unterbringen zu können, für die künftige Programmgestaltung nutzen. Nicht zuletzt ist dies auch ein Pfund, mit dem sie als Veranstalterin bei den Künstlern wuchern kann. Da das Kultur- und Gästehaus noch am Anfang steht, sind Gage wie Publikum überschaubar. Viele Künstler gewinnt Thieß derzeit über persönliche Kontakte für ihr Haus. So mancher lässst sich dafür begeistern, hier einen günstigen Urlaub mit der Gelegenheit verbinden zu können, sein Programm in gemütlicher Atmosphäre auszuprobieren. Für Norderney bedeutet das eine Ergänzung des offiziellen Programms der großen Namen um die eher experimentelle Nische, etwa wenn Straßenmusiker zum Wohnzimmerkonzert aufspielen oder Ende des Jahres ein Berliner Street-Art-Künstler seine Werke ausstellt.

Thieß ist sich bewusst, noch viel Arbeit vor sich zu haben, bis das Haus Henrietta beim Publikum etabliert ist, zeigt sich jedoch zuversichtlich: „Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen.“

Die aktuellen Veranstaltungen im Kultur- und Gästehaus Henrietta finden Sie im Kalender unter dem Menüpunkt Norderney. Am Mittwoch, den 25. Juli erwartet Sie eine szenische Lesung mit Jo Schmitt, der Tschechov liest. Das Programm für August steht bereits.

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